Stell dir vor…

Stell dir vor du hängst alle Möbel, die du fürs Leben brauchst an einander. Fang an mit dem Doppelbett und stell es in einen Raum, der genauso groß ist wie das Bett. Direkt quer an den Kopf ein Kleiderschrank, an dessen Außenwand der Herd und Kühlschrank klebt. Die Spüle stellst du auf den Kühlschrank. Stehst du am Herd, kannst du dich umdrehen und bist im Bad. Auf dem Klo sitzend kannst du dir auch gleich die Zähne putzen, außer es öffnet jemand aus Versehen die Tür, dann tun dir die Knie weh. Direkt an den Kühlschrank kommt die Sofagarnitur. Keine Sorge, eine kleine Handbreit hohe Wand schützt es davor, mit Fett bespritzt zu werden. Lass einen winzigen Durchgang zwischen dem zweiten Sofa daneben und stell dort einen Klapptisch zwischen. An das Sofa kommt ein Schreibtisch und hinter dem Schreibtischstuhl noch ein Bett, der Druchgang wird vom zweiten Kleiderschrank gebildet.

Das ganze kann man auf 11 Meter Länge und an der breitesten Stelle 3 Meter Nutzmaß unterbringen, aber nur wenn du alle Möbel auf das minimal möglichste Maß zusammenschrumpfst. Da, wo sie gerade noch von nutzen sind. Füge dann noch überall Ecken, Kurven, Schrägen und Stolperfallen hinzu. Schließlich befindet sich in der Aneinanderreihung von Möbeln noch 100l Diesel-, 500l Wassertanks, 80l H-Milch, 20l Säfte, 26kg Apfelmus und 30kg Haferflocken, 40 Klopapierrollen sowie Essen, um ca. ein halbes Jahr zu überleben, ein Motorraum, 5 große Autobatterien und hunderte Meter Kabel, Schalter, Funkgerät, Werkzeug, Werkzeug und Werkzeug. Ersatzteile, Laptops, Kameras, Spielsachen, Duploboxen, Anziehsachen, Sturmsegel, Seile, Taue, Angel und Harpune, Kinderwagen, Tragerucksack, Medikamente, Bücher, Ukulele und Quetschkomode.
Zum Stehen und Gehen bleiben ca. 4-5qm. Wenn der Tisch vom Sofa nicht ausgeklappt ist. Einige Schapps und Schränke sind noch leer.

Es fühlt sich normal an. Und langsam kommt in mir ein Unbehagen auf. Wie stell ich mir ein Leben an Land vor? Das Leben was eigentlich so selbstverständlich erschien – in einer Wohnung – scheint so weit weg. Ich könnte mich gerade nicht entscheiden, wie ich wohnen wollte. Fast kommt mir ein Bulli näher vor als vier Wände. Klar sehne ich mich oft nach Platz und Raum. Vor allem nach Zimmertüren. Aber man lebt auf diesem Raum und es ist so normal geworden, wie unsere große Wohnung vorher normal war. Ist es das, was so eine Reise mit einem macht? Vielleicht ist es inzwischen keine Reise mehr, sondern unser Leben. Wir leben in dieser Aneinanderreihung von Möbeln, in diesem Schlauch, auf dieser kleinen Insel. Es gibt kein Kompromiss mehr – ist ja nur für ein paar Wochen. Die verweilte Zeit und der Horizont sind zu lang, um dies nicht anzunehmen und als normal wahrzunehmen.
Heute fragte mich ein Einheimischer „Hey man, where are u from?“ – „Germany“. „And u stay on a boat?“ – „No, I live here“. Ich musste schmunzeln. Wir ankern gerade vor einer unbewohnten Insel mit Blick bis nach Afrika. Der Schritt von der Reise zum Leben ist vielleicht schon passiert. Für unsere Kinder gibt es, glauben wir zumindest, nichts normaleres als das Schiff. Wenn Javik müde ist möchte er nach Hause. Und das schwimmt eben vor der Insel. Morgen vielleicht wo anders. Aber die Haustür ist das Heck und wenn unser kleines Auto dort geparkt ist kann man aussteigen, die Badeleiter hochklettern und ist zu Hause.
Morgen hänge ich in meinem Garten die Hängematte zwischen zwei Palmen und schau den Einsiedlerkrebsen beim Strandspaziergang zu. Javik, wie er stundenlang im Wasser tollt und Junus, wie er immer wieder den aufgetürmten Sand zerdrückt und gelegentlich die Spitze des Bergs frisst. Zwischendurch probiere ich mit Steffi unseren PingPong Rekord von 68 zu übertreffen. Naja, und dann muss Teig fürs Brot geknetet werden, eine neue Joghurtkultur angesetzt werden, ein Fisch sollte fürs Essen her, Keilriemen vom Motor wechseln, eine neue Zeichnung für das Windfahnenruder erstellen und einen Schweißer in Grenada finden, den Wasserpass reinigen und den Beibootmotor zerlegen, um hoffentlich das Klemmen des Starterzugs zu beseitigen. Achja, an meiner Diss muss ich auch noch arbeiten.

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