Ein Stück harte Arbeit!

Durchatmen! Der Englische Kanal liegt fast hinter uns. Die letzten Wochen wurden beherrscht vom Rhythmus der Gezeiten und des Wohlwollens des Windes. Jeder kleinste Winddreher weg vom sonst vorherrschendem Westwind musste genutzt werden, um die langen Schläge Richtung Bretagne erträglicher zu gestalten. Der Motor musste allzu oft seinen Dienst leisten, denn die langen Etappen, um rechtzeitig vor der kippenden Tiede in Häfen oder um Kaps zu kommen waren eng gestrickt.

Zweimal am Tag läuft die Nordsee Richtung Atlantik und beschert einem zusätzliche Knoten gen Westen. Was sechs Stunden eine Freude ist, kann genauso lang eine Qual und harte Arbeit werden. So legte sich unser Hafen-Auslauf-Rhythmus meist auf die Nacht, um mit schlafender Crew und mitlaufendem Strom möglichst viele Meilen zu machen.

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Haben wir uns das so vorgestellt? Gewarnt wurden wir vorm Kanal. Wussten es kann hart werden. Strömung, Westwind und lange Etappen sind die Regel – waren an sich aber gut zu meistern. Trotzdem holte uns die Realität ein, dass solches Segeln mit zwei kleinen Kindern noch mehr bedeutet. 12-16 Stunden gegen Welle und Wind an zu kreuzen, mit einem Heim, welches um 25% geneigt ist und unendlich schaukelt, raubt einem die Kraft. Der kleine Junus braucht den Arm, um sich wohl zu fühlen, der große Javik eine Hand, um denNiedergang zu bewältigen sowie einen Spielpartner mit Phantasie. Wer segelt? Wer beobachtet den Verkehr und den Kurs? Wann kann man sich nach einer durchgesegelten Nacht erholen? Steffi muss zwangsweise oft bei unangenehmer See unten mit den Kindern sein, ich probiere möglichst schnell den nächsten Hafen zu erreichen – Einhand segeln ist angesagt. Zwischendurch sitzen wir beide auf den Cockpitbänken gegenüber, jeder ein Kind auf dem Arm und lassen den Autopiloten und Motor möglichst schnell die Strecke bewältigen.

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Zähne zusammen beißen heißt es, ob beim Segeln, unter Deck oder am nächsten übermüdeten Tag. Nach jeder Nacht-Etappe laufe ich wie ein Zombie Richtung nächsten Spielplatz und warte auf den Abend, um endlich meine Erholung zu bekommen. Da kommen auch schon die nächsten 12 Stunden Winddreher und es geht weiter. Als wir die Elternzeit versegeln wollten, war der Wunsch Zeit zu haben für die Kinder und uns als Familie. Hat man noch genug für das, was uns eigentlich viel wichtiger ist? Eigentlich beanspruchen die Etappen und das Boot bereits mehr als unsere volle Aufmerksamkeit und Kraft. Nein, ganz so haben wir es uns nicht vorgestellt und viele Momente des Zweifelns kommen auf. Unser Antrieb ist die bereits investierte Zeit zur Vorbereitung und die Hoffnung auf warmes Wetter und schöne Buchten, in denen man länger am Stück vor Anker liegt.

Dennoch findet man zwischendurch immer wieder Momente und Tage, um wieder Mut und Kraft zu fassen. Schwimmbäder, tolles Abendlicht auf den Kreidefelsen, oder doch mal ein angenehmer Kurs mit Halbwind. Außerdem treffen wir andere Yachten auf unserer Route gen Westen mit netten und interessanten Crews. Gemeinsame Unternehmungen und nette Abende helfen Kraft zu schöpfen. Auch die Nachtfahrten mit sternenklarem Himmel bereiten dann doch Spaß und geben mir tiefe Zufriedenheit und ein Gefühl das Richtige zu tun. Es ist ein ständiges Gefühls-auf und ab und die Frage, warum wir uns das „antun“.

Als wir die von der starken Strömung aufgewühlte Kreuzsee am Kap de la Hague hinter uns ließen und endlich auf der Kanalinsel Sark eine von mir lang ersehnte Ankerbucht anlaufen – Dixcart Bay – fällt aller Zweifel der letzten Wochen ab. Endlich ankern wir vor traumhaft schöner Kulisse und haben die Muße hier zu bleiben. Es dreht sich nicht mehr um die nächste Etappe, die mehr Qual als Wahl zu sein scheint, sondern ums Leben auf dem Boot. Abends fangen wir vom Beiboot aus Makrelen, verbringen die Tage am Strand und erkunden die tolle Insel. Es kehrt Ruhe ein an Bord! Und Zufriedenheit.

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Als der Wind uns nach 3 Tagen aus der Bucht vertreibt bietet uns keine zwei Stunden weiter die Insel Herm einen weiteren traumhaft schönen Sandstrand. Wir lassen die Tage vor Anker vergehen, freuen uns über die Herr Nilsson, die ebenfalls in die Bucht einläuft, spielen am Strand und im Wasser. Endlich leben wir aus unseren Proviantkisten!

Haben wir den Wendepunkt erreicht? Es liegen noch einige Etappen vor uns, die hart werden können. Gerade bin ich aber froh, die letzten Wochen hinter mir zu haben, und das Leben auf dem Schiff nun tatsächlich genießen zu können. Vielleicht auch weil der Weg doch recht beschwerlich war, zumindest in der Konstellation in der wir unser Abenteuer bestreiten. Wir sind stolz, diese Etappe gemeistert zu haben, konnten das Boot kennen und schätzen lernen und haben Lösungen fürs Segeln mit unseren Kindern gefunden. Vor einer Woche hätte ich das nicht gesagt, nun bin ich froh, dieses Abenteuer eingegangen zu sein!

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