Die Zugvogelroute hinter uns lassen

Tschüss sagen fällt immer schwer. Findet man andere Segler, die auf einer Wellenlänge sind, segelt man oft einige Strecken zusammen, ankert nebeneinander in Buchten und unternimmt gemeinsam Ausflüge. Schnell teilt man einzigartige Erfahrungen und nette Abende, die Gespräche werden schnell persönlich und helfen tut man sich unter Segeln sowieso wie man kann.

Schwer fallen die häufigen Abschiede, denn die Routen sind so verschieden wie die Boote und Crews. Dennoch trafen wir, genauso wie entlang der Atlantikküste Europas, irgendwann immer wieder auf dieselben Boote, auf dem Weg zum selben Ziel. Hier mengten wir uns auf dem Weg entlang der Windward und Leeward Inseln der reisenden „Zugvögel“ nach Norden ein, die meist nur für eine Saison in der Karibik sind, um dann entweder in den nordamerikanischen Sommer oder wieder über den Atlantik nach Europa zu segeln. In Antigua scheidete sich der Weg, denn hier biegt man nach Westen ab, Richtung Jungferninseln und Bahamas. Uns zog es weiter zur letzten nördlichen Insel, Barbuda und so ließen wir bis auf einige wenige, die dort auch die einsamen weißen Kilometer langen Sandstrände genießen wollten, in unserem Kielwasser.

In Barbuda haben wir gefunden, was wir lange Zeit auf unserer Reise suchten. Weiße, kilometerlange einsame Strände, Palmen, türkises Wasser. Traumhaftes Barbuda! Die nördlichste Insel auf unserer Route entlang der Windward und Leeward Inseln zog uns aufgrund der endlosen Strände an. Und die Strecke hat sich gelohnt! Nie fühlten wir uns weiter weg, erforschender bei der Riffeinfahrt und zufriedener bei dem Anblick eines makellosen Strands. Der Sand ist so rosa weiß, das er blendet und jeder Schritt lässt einen in Puderzuckerkonsistenz bis zu den Knöcheln eintauchen. Klingt übertrieben? Wir fanden es herrlich! Die Tage waren gleich: morgens Strand, mittags Pause, nachmittags Strand und abends zufrieden einschlafen. Das glasklare Wasser lud zum Baden und verweilen ein und die Riffe fühlten sich recht wild an. Ob dort doch mal ein Hai um die Ecke schaut? Mulmig traute ich mich, nur mit Rücken zum Riff, die Kante entlang zu schnorcheln. Die Kinder genießen merklich die Tage, sind ausgelassen, toben den ganzen Tag im Sand und fallen abends zufrieden und müde ins Bett. Ein Ausflug zur Fregatt-Vogel Kolonie mit ihren aufgepusteten roten Halssäcken rundet unser Naturerlebnis ab!

Die ersten Tage ankern wir in der Low Bay. 22 km Strand, 6 Boote und ein Palmenhain mit kleiner Hütte. Barbuda ist nicht geschützt wie die meisten südlicheren Inseln, da sie sehr flach ist und oft Schwell aus dem Norden um die Insel kommt. Nach drei Tagen dreht auch bei uns der Schwell und lässt uns zunehmend am Ankerplatz rollen. Das Anlanden mit dem Dhingy wird schwerer, da der Strand steil ist und die Wellen sich immer häufiger gefährlich hoch auf den Sand brechen. Wir entschließen uns, am nächsten Morgen in die südlichere Bucht am Cocoa Point zu verlegen, doch zuerst wird der Abend für uns noch aufregend.

An meinem Unterarm hat sich ein Mückenstich leicht entzündet. Eigentlich nicht schlimm, wenn sich nicht ein roter Strich Richtung Armbeuge gebildet hätte. Vor zwei Jahren hatte ich schon einmal eine drohende Blutvergiftung und musste eine Woche mit Antibiotikainfusion im Krankenhaus liegen. Mehrere Allergien gegen die gängigen Antibiotika machten die ersten Behandlungsschritte etwas schwieriger. Nun liegen wir vor Anker an einer recht einsamen Insel, der Strand sollte nicht unbedingt bei Dunkelheit angelandet werden. Weit komme ich eh nicht, da bis zur „Stadt“ erst eine Lagune mit Wassertaxi durchquert werden muss. Und ob ich dort einen Arzt finde war auch noch so dahingestellt. Wir markierten das Fortschreiten des Strichs am Unterarm, da ich vom letzten Mal wusste wie schnell das gehen kann und angekommen an der Achsel sehr schnell kritisch wird. So malen wir uns worst-case-Szenarien aus: ich muss ins Krankenhaus nach Antigua, Steffi allein auf dem Schiff mit beiden Kindern und muss sich verlegen aufgrund von Wetterwechsel… oder ich bekomme Antibiotika und entwickele zurück auf dem Schiff wieder eine Unverträglichkeit… alles nicht angenehm.

Mit Hilfe des Satelliten-Telefons nehmen wir Kontakt mit einer medizinischen Notfallstelle in Bremen auf, die Seglern in solchen Situationen helfen soll. Eine gebrochen deutsch sprechende Beratung drängt mich allerdings ausschließlich dazu, sofort zu einem Krankenhaus zu gehen, das wäre nötig. Darauf wäre ich selber natürlich nicht gekommen und bin froh, über Satellitentelefon 5 Minuten über tausende Kilometer für diesen Rat jemanden erreicht zu haben. Dann erreichen wir spät nachts zum Glück unseren persönlichen medizinischen Backup, Bens Bruder. Wir entscheiden Ruhe zu bewahren, eine Cortison Creme auszuprobieren, kühlen und stündlich zu beobachten. Wir haben Glück. Am nächsten Tag ist die Schwellung merklich zurückgegangen und der Strich am verblassen. Vielleicht haben wir überreagiert, doch es fühlte sich nicht gut an. Wir genießen normalerweise die nur durchs Segeln zu erreichende Abgeschiedenheit von kleinen, einsamen Inseln. Hier mussten wir leider erstmals die Erfahrung machen, wie viel Sicherheit und Einfachheit eine gute ärztliche Versorgung in Fahrreichweite doch bedeutet.

Nach wundervollen Tagen auf Barbuda verlassen wir unser kleines Paradies und ziehen wieder gen Süden, um den Hurrikans im nahenden Sommer zu entkommen. Altbekannte Inseln liegen von uns – Antigua, Guadaloupe, Dominica und Martinique. Schöne Erlebnisse verbinden wir mit diesen nun uns bekannten Orten. Nur die liebgewonnenen Bekanntschaften, die wir mit diesen Orten verbinden, werden diese Reise nicht mehr mit uns teilen. Wehmut macht sich breit. Eine gewisse Traurigkeit begleitet uns als wir an denselben Orten noch einmal die Erlebnisse Revue passieren lassen und nun alleine unterwegs sind. Wir fühlen uns als treten wir ein weiteres Kapitel unserer Reise an. Und es startet gut!

Ganz unverhofft treffen wir auf einmal in Bequia ein Seglerpaar, das wir letztes Jahr im November noch auf der anderen Atlantikseite auf den Kanaren kennengelernt haben und die nun ein zweites Mal unsere Reiseroute kreuzen. Wie schön ist doch das Wiedersehen! Drei von Ben gefangene Fische, gegrillt am Strand und eine neue Seglerbekanntschaft mit Gitarre, Mundharmonika und Gesang lassen den Abend zu einem weiteren Highlight unserer Reise werden. Wir freuen uns auf weitere unzählige schöne Strände, klares Wasser, Riffe und tolle Bekanntschaften. Auf in den Süden!

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