Bauchgefühl – Pro Venezuela

Milchstraße ist wahrlich ein passendes Wort. Über mir hängt kein Sternenhimmel, es ist eine schier glitzernde funkelnde Masse, wie ein Meer, mittig durchzogen von einem milchigem Schleier. Der Halbmond kommt erst in den frühen Morgenstunden. Nur recht – reicht das Licht der Sterne doch aus, um die Wasseroberfläche um mich herum schimmern zu lassen. Der Horizont trennt wie mit einem scharfen Messer rundum zwischen schwarz und Glitzermeer. Hin und wieder schäumen kleine Wellenberge um die Lady herum und lassen das Meer fluoreszieren, während wir einen Leuchtstreifen im Kielwasser hinterlassen. Venezuela wir kommen!

Grenada zu verlassen wurde Zeit. In der Prickley Bay haben uns viel zu lang einige Besorgungen und Reparaturen aufgehalten, so schön ist die Bucht im Süden Grenadas nicht. Alle Wanderungen unternommen, in Wasserfällen gebadet, die Schokoladen Fabrik besichtigt und St. Georg durchstreift. Ehrlich gesagt hielten uns nur die netten Bekanntschaften, die neben uns ankerten und das ersehnte Wiedersehen mit Nadja und Manuel von der Manado. Zusammen wollten wir weiter gen Westen segeln und, wenn wir uns endlich dafür entscheiden könnten, zu Venezuelas weit vorgelagerten Inseln Los Roques.

Als die beiden gezwungener Maßen noch länger in Grenada warten müssen, entschließen wir uns kurzum bereits vor zu fahren. Uns treibt ein Rückflug nach Deutschland, denn wenn wir nach Los Roques fahren, möchten wir dort auch genügend Zeit verbringen können. Schade, dass wir uns so schnell wieder trennen, aber ein aufziehendes Schlechtwetter könnte uns noch länger an Grenada binden.

Warum es uns schwer fällt, uns für einen Stop in Venezuela zu entscheiden, müsste bei den Bildern und Berichten über den aktuellen Zustand des Landes klar sein. Piraterie ist an der Küste berüchtigt und eine instabile Situation, Versorgungslage und Knappheit an Nötigem lässt um das vermutlich wunderbare Land viele Segler, die wir getroffen haben, einen großen Bogen machen. Wir fühlten uns an anderen Orten bereits mit unserem Schiff wie Aliens. Voll gepackt mit Lebensmitteln, Medikamenten und Technik Gadgets, von denen jedes einzelne oft Monatslöhne in den bereisten Ländern ausmachen können, fühlten wir uns in manchen Ankerbuchten doch wie ein Magnet für Probleme. Nie ist bisher etwas passiert und wir wurden freundlichst empfangen, aber diese Tatsache wollen wir uns präsent halten, um nicht zu leichtfertig zu werden.

Wir haben uns also informiert und probiert, nicht von den Geschichten und Tratsch über Venezuela inspirieren zu lassen. Fakten sollten her. Die Piraterie lässt sich klar e
auf die Küste eingrenzen, dort sogar sehr lokal . Zur Einschätzung der sonstigen Situation telefonierten wir mit ein paar Touristen Spots auf Los Roques und bekamen durchweg das gleiche Bild präsentiert. Los Roques ist nicht das Festland, und die Uhren ticken dort wohl anders. Kriminalität ist anscheinend nicht vorhanden und wir wurden herzlichst eingeladen, die Inselwelt zu erkunden. Unser Bauchgefühl siegt. Wir reden uns nochmal Mut zu, lassen unseren Rasen am Wasserpass diesmal zur Tarnung dran und wollen die Kinder freundlich winkend an die Reeling stellen, sobald sich Boote mit argwöhnisch dreinblickenden, Augenklappen tragenden, holzbeinigen Einheimischen blicken lassen.

Wir brechen zusammen mit einem schweizer Katamaran auf, geplant ist ein Zwischenstopp in La Blanquilla, einer Insel zwischen Grenada und Los Roques. Naja, gemeinsam ist übertrieben. Wir fahren abends los, er morgens. Angekommen sind wir gemeinsam. Vielleicht hätten wir den Rasen am Wasserpass doch abkratzen sollen… oder einfach einsehen, dass wir kein 50 Fuß Katamaran sind. Unterwegs leistetet unser Radar wieder gute Dienste beim Fischerboot finden und Squalls vorher sagen, sonst eine entspannte, Thunfischreiche 36std Überfahrt.
Als wir venuzelanische Gewässer erreichen muss ich schmunzeln. Plötzlich wird Kanal 16, der allgemeine Abhör- und Notfallkanal, durch munteren Tratsch und Musik Dauer besetzt. Ein kleiner Gedanke an Panik kommt auf, könnten doch so Piraten verhindern wollen, dass ich Hilfe anfunken möchte. Doch das spanische Gesingsang lässt mich zurück erinnern an die Atlantik Küste. Ganz Spanien und Portugal bishin zu den Kanaren verfolgten uns gleiche Klänge und ich ärgerte mich dort ebenfalls über das Dauer besetzen des Kanals. Ob das was mit der gemeinsamen Sprache zu tun hat?

La Blanquilla sieht beim Ankommen im Morgengrauen recht karg aus. Eine graue flache Platte. Doch als wir in die uns empfohlene Bucht einbiegen, merken wir die Besonderheit dieses Ortes. Zu zweit liegen wir in einer winzigen Bucht, umrundet von Steilwänden, ein weißer Sandstrand am Ende, Pelikane jagen neben dem Schiff und eine große Schule von Barrakudas lässt sich sogar noch vom Deck aus beobachten. Zugegeben jagten sie mich schnell nach dem Anker abtauchen zurück aufs Boot. Es fühlt sich einsam und weit weg an. Karg präsentiert sich die Insel, mit vielen schmerzhaften Kakteen, aber magisch. Wir grillen abends zusammen mit den Schweizern den selbstgefangenen Thunfisch am Strand, toben mit den Kindern und freuen uns über die Entscheidung, hierher gefahren zu sein. Um nicht ganz leichtsinnig zu sein, besprechen wir einen Notfallplan, falls doch noch unwillkommene Gäste aufkreuzen. Schließen abends die Luken und Niedergang ab und nehmen die Signalpistole mit ins Bett. Wir schlafen nach den 2 Nächten auf See hervorragend.

Das Sat-Telefon spuckt am nächsten morgen die neue Wetterkarte und Nachricht von der Manado aus. Ein Sturm rückt an, gebildet hat er sich schon unterhalb der Kap Verden. Wellen von bis zu 6 Metern und über 50kt Wind verheißen bei der bisherigen Vorhersage bereits nichts Gutes. Und das System hat noch Zeit, Energie auf dem Weg der nächsten Tage zu gewinnen. Die Noaa hebt eine Hurrikanewahrscheinlichkeit für Süd Grenada auf 50%. Wir müssen schlucken und entschließen uns La Blanquilla den Rücken zu kehren, um rechtzeitig in Los Roques anzukommen, bevor das Wettersystem die Karibik erreicht, auch wenn wir uns im Südgürtel der Hurrikane freien Zone befinden. Wenn es sowas wirklich gibt. Die Wetterkarte schleust mir aber Respekt ein! Auch uns werden die Ausläufer des Sturms einen unruhigen Tag und Nacht vor Anker in Los Roques bescheren.

2 thoughts on “Bauchgefühl – Pro Venezuela

  1. Hey cool, endlich noch ein paar deutschsprachige Segler, die sich auf die Los Roques trauen! Wir waren voriges Jahr dort, mit unserem ein paar Monate altem Baby…..wirklich ein tolles Erlebnis! auf den Cayos ist man fast überall alleine, und auch Gran Roque ist spitze! Restaurant Aquarena ist dringend zu empfehlen (auch zum Geld wechseln….Rucksack mitnehmen :-))
    Unsere Erlebnisse auf den Roques findet ihr (ab) hier: http://www.gowesst.com/lang/de/posts/2831/
    Falls ihr noch Fragen oder so habt, gerne melden!
    LG
    Mischa + die SAILOR MOON Crew

    1. Hey Mischa,
      ja wir waren ebenfalls begeistert von Land, Leuten und der Küche ;). So schön dort. Leider mussten wir auch uns mit Korruption der Coast Guard und des Militärs befassen, aber alles glimpflich ausgegangen und wir würden dort jederzeit wieder hin!

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