Atlantiküberquerung von Kap Verden nach Barbados

Update 24.12.2016:

Passend zu Heiligabend sind Ben und Crew wohlbehalten in Barbados angekommen. Das schönste Weihnachtsgeschenk für uns alle 🙂 Jetzt heißt es für mich in Deutschland auch endlich Koffer packen. Am 29. fliege ich mit den Kindern hinterher und bin schon ganz gespannt, was uns in der Karibik in den nächsten Monaten erwartet. Wir werden berichten 😉

Vielen Dank allen, die bei der Atlantiküberquerung mitgefiebert haben!

Steffi


Update 22.12.2016:

Das kleine Waffelfest und die Waschparade gaben ein wenig Erholung nach der Aufregung. Der Rest bringt die kleine Wetterpause und die Stimmung an Bord ist positiv. Barbados ist langsam greifbar. Dennoch hat mir die Nacht sehr zugesetzt und die nächsten Schlafphasen liege ich unruhig in der Koje. Der Schreck steckt in den Knochen, ist Feuer an Bord mitunter das Schlimmste was passieren kann. Ich bin in der Situation im Kopf alle Notmaßnahmen bereits durchgegangen. Glück gehabt, da nun auch Gewissheit besteht, dass nichts Schaden genommen hat. Ich bin sehr froh, auf dem Schiff zu dritt unterwegs zu sein. Ich hatte auch mal ins Auge gefasst, das Boot alleine zu überführen. In dieser Welle möchte ich nicht das Schiff unkontrolliert der See überlassen und stockfinster die Wellenberge runter rauschen, während ich den Innenraum nach einem Brandherd absuche. Die Tour ist selbst zu dritt bereits anstrengend und ich bin heilfroh für die Entscheidung, zwei weitere Crewmitglieder zu haben. Schließlich hat Andreas auch bereits zweimal den Atlantik überquert und weitaus mehr Erfahrung. Generell ist das Credo an Bord sicher anzukommen. Wir sind uns zum Glück einig, dass wir lieber nur mit einer winzigen Genua fahren, auch wenn mehr Segelfläche natürlich uns eher ankommen ließe. Vermutlich sind die starken Böen und die See aber ausreichend, um einem klar zu zeigen, Risiko ist hier nicht angebracht! Wir haben großen Respekt!
In der Nacht fängt es wieder an zu stürmen. Ausgiebige Starkwindschauer ziehen über uns hinweg. Zum Glück kann man die Böen und den Regen gut einschätzen, da die Wolken sich eindeutig auf dem Radar zeigen. Die See nimmt erschreckend schnell zu und die zweite Nachthälfte lässt uns in den Kojen umherschleudern. Ich zieh mir eine nette Beule am Kopf zu, Andreas wickelt sich ungewollt um die Maststütze. Nur Sven schafft es, wie immer halbwegs gut zu schlafen, trotz Getöse! Am Morgen werde ich von einem Brecher, der das Boot rumreißt und die Welle schräg runterschießen lässt, geweckt. Es knallt laut und ich schieße aus der Kabinenluke. Andreas probiert das Boot mit dem Steuer zu stabilisieren, die Windfahne hält den Kurs nicht mehr. Wir schauen uns an und ahnen es. Ich krieche aufs Heck und sehe das massive Hilfsruder gerade noch an der Sorgleine im Bugwasser hängen. Mist, ist unsere Notreparatur aus den Kap Verden auch gebrochen. Was da für Kräfte wirken müssen, um ein 40mm dickes Stahlrohr zu zerbrechen! Ich schneide die Sorgleine schnell los, um Schäden an der Windfahne zu vermeiden. Tschüss Ruder.
Erst jetzt registriere ich die See und die Ausmaße der Wellen. Die Gischt fliegt von den brechenden Spitzen und die Öberfläche kräuselt sich bei den durchrauschenden Böen. Ab jetzt wird per Hand gesteuert, da die Wellen ausgefahren werden müssen, bisher hatte das die Windfahne wunderbar gemacht. Sven hat als nächster Wache. Er muss mehr nach hinten schauen, um die Wellen gut ablaufen zu können, also auf den richtigen Kurs. Querschlagen wollen wir gerade nicht! Da kommt erneut ein Brecher, diesmal etwas schräger als die vorherigen, es tost neben uns und der Wellenkamm bricht an unserem Backbordbug, legt uns zur Seite und steigt über den Süllrand ins Cockpit. Der Schreck war größer als die tatsächliche Wassermenge. Wir hatte zum Glück ein Schapp im Niedergang, somit floss das meiste Wasser direkt durch die Lenzer ab. Das muss doch jetzt nicht 48 Stunden vor Ankunft sein! Über eine Mail von Steffi erfahren wir, dass eine 17m Yacht auf dem Weg nach Martinique Wasser genommen hat. Zwei Tanker und ein Segler hatten aufgrund des Seegangs große Mühe die Crew abzubergen. Ein Alptraum!
Wir teilen die Wachzeiten in zwei Stunden Rhythmen ein, wobei immer ein zweiter Mann im Cockpit döst. Die Wetterprognose lässt uns aber hoffen, dass ab dem Abend der Wind und die Welle sich endlich legen sollen. Es heißt Endspurt!

 


Update 20.12.2016:

Hitze. Das erste Mal wird es drückend warm. Wir nähern uns der Karibik, der Wind hat heute zum ersten Mal seit Tagen nachgelassen und ab und zu lässt die Dünung, ein paar Stunden schaukelfreieres Leben an Bord zu. Unbeschreiblich, wenn man plötzlich merkt wie die Muskeln langsam realisieren, dass keine Gefahr des Wegrutschens und Umkippens besteht. Fast wie ein Erschlaffen. Leider nimmt zum Abend hin das Wetter wieder seinen gewohnten Lauf. Naja, wenigstens bleibt dann der Wind so, dass wir nicht motoren müssen.

Am Tag nach unserem vermeintlichen Brand im Motorraum, der sich als alter Rauch vom Motor herausgestellt hat, machten wir uns mittags an die Kontrolle der Maschine und der Reparatur. Vorher ließ die Welle gar nichts zu. Als erstes wurde die komplette Dieselzufuhr inklusive Filteranlage zerlegt. Durch die Tage des enormen Schaukelns rührte sich der Bodendreck des zu 2/3 leeren Tanks enorm auf, zusammen mit etwas Wasser und viel Luftblasen ergab sich ein Brei, der die Filter zusetzte. Alles gereinigt, neu mit sauberem Diesel aus Kanistern befüllt und entlüftet, startet der Motor sofort. Erleichterung, er schnurrt wie eh und je, nimmt das Gas an und macht keine weiteren Mucken. Da die Welle den Tank noch immer so durchschaukelt, bauen wir die Dieselzufuhr um und können nun direkt aus einem Kanister fahren. Schließlich benötigen wir den Motor bei dem Wind nur, wenn wir das Ankerfeld anfahren. Zuguterletzt stopfen wir einen alten Lappen in den Auspuff, natürlich mit Sorgleine, um ihn wieder rauszubekommen. So hoffen wir bei den noch immer teils tosenden Wellen aufs Heck, nicht erneut Wasser in den Auspuff zu bekommen. Hört sich nicht nach viel Arbeit an, der Nachmittag war aber gelaufen. Schweißgebadet aber glücklich über den Erfolg feiern wir uns im Cockpit.

Team Abenteuer bestreitet den nächsten Tag. Es fängt an mit einem vergeblichen Backversuch des Sauerteigbrots, der Backofen springt nicht an. Also Werkzeug wieder raus und ab aufs Heck zum Gaskasten. Verkeilt zwischen Fendern, in unmöglicher Sitzposition erstmal die Gasanlage auseinander nehmen. Es stellt sich raus, dass der in Porto Mogan neu eingebaute Gasdruckminderer klemmt. Ist aber schnell behoben und bald duftet es nach gutem Brot.

Dann erneut ein Alarm im Schiff: Wasser in der Bilge. Muss nichts schlimmes sein und erstmal abpumpen. Kurz darauf wieder Alarm. Wir machen uns auf die Suche. Der Fehler ist schnell gefunden. Für die lange Passage haben wir im Heck einen weiteren flexiblen Wassertank installiert. Da knapp die Hälfte bisher verwendet wurde, schaukelt der Wassersack ordentlich hin und her. An einer Stelle entdecken wir einen kleinen Riss, ein Rinnsal läuft direkt in die Motorbilge. Die beiden anderen Tanks sind noch unangebrochen, also verschwenden wir den  Tankinhalt, duschen und waschen. Problem gelöst.

Meine Güte, das waren zwei anstrengende Tage. Die Bedingungen fordern doch ihren Tribut. Nun sind es noch 350 Meilen, eine Biskaya Überquerung, ein Klacks. Bis dahin bleibt die Werkzeugkiste zu. Wir sind frohen Mutes und fangen an, unsere ersten Tage auf Barbados mit To-Do Listen zu füllen. Baden steht bei uns allen auf Platz 1.

Jetzt werden aber erstmal Waffeln gebacken.

Position:
13 Grad 31.0N
53 Grad 33.5W


Update: 19.12.2016

Täglich grüßt das Murmeltier. Ich wache auf, weil ich wieder durch die Kabine fliege. Welle an die 6 Meter, Sturm, Sonne, super Ändi am Steuer. Sven im Winterschlaf. Erstmal essen. Irgendwie jeden Tag gleich. Puh… festhalten ist wieder angesagt. Aber nein, heute gibts Abwechslung! Es fängt nach meinem morgendlichen Toilettengang an. Als ich das Klo abpumpen will, halte ich plötzlich den Griff der Kolbenpumpe in der Hand. Darf nicht wahr sein, nicht einmal Pumpen wurde mir vergönnt. Wenigstens war ich auf dem Klo, denn ich bin es, der es nun ja auch auseinander bauen muss. Also Werkzeug raus, Schläuche, Eimer, Gasmaske, Handschuhe und rein ins Vergnügen. Nicht, dass das ganze im Hafen schon schwer genug gewesen wäre, die Welle erfordert eigentlich beide Hände permanent zum Festhalten. Es dauert ganze 2 Stunden bis ich alle Teile der Pumpe zusammen gefischt habe und alles wieder zusammen bauen kann. Danach wird erstmal alles gründlich geputzt. Inklusive einer ordentlichen Dusche am Heck. Ich bin schweißgebadet. Mann, die Wellen haben sich noch mehr aufgebaut und der Wind nimmt stetig zu.

Wir suchen den Rest des Tages Erholung und keilen uns, wo auch immer möglich, fest. Am Abend während unserer täglich therapeutischen Sitzung bei Dunkelheit im Cockpit werden wir überrascht. Eine Welle bricht am Heck, die muss groß gewesen sein, es tobt um uns herum, wir beschleunigen und schießen quer die Welle runter. Wir brüllen uns gegenseitig an: „festhalten“. Puh, in absoluter Dunkelheit ein beängstigendes Gefühl. Plötzlich riecht Sven verbranntes. Der Rauchmelder im Motorraum geht los. Genauso unser Adrenalin. Wir stürzen runter, Lampen an, Feuerlöscher raus. Ich reiß die Backskiste auf, wo alles an Elektrik drin ist, wo ich Wassereinbruch und schmörkeln vermute. Alles ok. Motorraum auf, alles voller Qualm. Systematisch suche ich alle Kabel ab, Sven steht mit dem Feuerlöscher hinter mir. ich finde nichts. Vorsichtshalber habe ich die Elektrik ausgeschaltet und zum Glück kann sich Andreas draußen am Steuer an den Sternen orientieren. Jetzt erstmal durchatmen. Ich gehe alle Kabelstränge im Boot durch, finde aber nichts. Als wir uns nochmal den Motorraum vornehmen, fällt uns eine kleine Rauchfahne aus dem Ansaugstutzen des Motors auf. Was soll das denn? Der lief seit Tagen nicht mehr. Dann überlege ich. Es riecht nicht nach verbranntem Kabel, das ist kalter Rauch. Plötzlich schießt es mir in den Kopf. Hatte die Welle unser Heck überspült und den Auspuff geflutet, dass die restliche Luft aus dem Motor zurückgedrückt wurde? Alles deutet darauf hin, auch frisches Salzwasser, was ich im Wassersammler finde. Mist, hoffentlich ist der ganze Motor nicht geflutet. Um sicher zu gehen, dass sonst nichts anderes der Grund sein kann, probieren wir den Motor zu starten. Tatsächlich, er springt nicht an. Wir warten ein paar Minuten, schalten die Elektrik wieder ein und sind uns nun sicher, dass es ein gefluteter Auspuff sein muss. Ich drehe erneut den Zündschlüssel um und der Motor fängt quälend an zu arbeiten. Dann springt er an. Erleichterung!

Ich schaue mich nochmal im Motorraum um. Irgendwas stimmt mit dem Dieselfilter nicht. Im Schauglas sehe ich eine milchige Flüssigkeit statt dem klaren honigfarbenen Diesel. Gleichzeitig fängt der Motor an zu stottern und geht aus. Hm. Wasserschaden nein, nun aber Dieselprobleme? Es reicht für einen Tag. Andreas schickt mich ins Bett mit dem Kommentar: “ Was willste denn bei dem Sturm eh mit dem Motor. Der kann bis morgen warten.“ Erschöpft falle ich in meine Koje.

Als ich um 2 Uhr meine Wache bis 5 Uhr starte, wollte ich eigentlich meine Motorliteratur durcharbeiten. Als ich ins Cockpit komme, um Andreas abzulösen, versinke ich aber im Sitz und schaue mir den fantastischen Sternenhimmel an. Ich stecke mir Kopfhörer rein und wähle von Ella Fitzgerald passend Smooth Sailing. Ach vermisse ich euch Lindyhopper und ziehe Bilanz vom Tag:

Ein sauberes Klo mit best funktionierender Pumpe!
Der Motor läuft – theoretisch!
Es gab kein Feuer!
Klingt doch gar nicht so schlecht!


Update: 18.12.2016:

Wir zählen die Tage runter. Es wird realistisch, bis zum Morgen des 24. anzukommen. Das wäre klasse, dann hätten wir nicht das Problem mit geschlossenen Einwanderungsbehörden und sonstigen Ämtern zum Einklarieren. Außerdem könnten wir uns noch um ein Festessen kümmern, mal schauen ob es eine Bar oder unsere Kombüse wird. Es sind zwar noch immer 750sm voraus, was eine Planung vage macht, der Wind ist aber nach wie vor stark und die Wellen werden immer höher. Inzwischen wird 30 Knoten scheinbarer Wind, also plus Fahrt, kaum noch unterschritten und die Böen steigen auf über 40 Knoten. Mit winzig eingerollter 7qm Genua laufen wir unser normales Etmal. Das Meer schäumt um uns herum. Der Wind kann also noch drastisch nachlassen und wir könnten unseren Schnitt trotzdem halten. Das 2. Vorsegel sollte bald auch nochmal hochgezogen werden. Wir vermuten, dass einige fliegende Fische den Weg ins angelaschte Segel gefunden haben. Ausschütteln bevor sie steinhart getrocknet und festkleben wäre angebracht. Aber nicht bei dem Wind, das Segel würde uns um die Ohren hauen! Außerdem haben wir noch einige Kanister an Diesel, sieht also positiv aus, den Rückflug der zwei Mitsegler sowie Steffis Ankunft zu schaffen. Das beruhigt, muss sich Steffi dann nicht mit 70kg Gepäck und zwei Kindern erstmal ein Hotel suchen.

Gestern war an Bord irgendwie stimmungsmäßig Flaute. Ich glaube unser schlechter Schlaf aufgrund des Schaukelns und das Halbzeitfest hat zu sehr geschlaucht. Andreas wollte den Sprung auf 1000sm noch zu fahrenden Seestrecke per Kamera auf dem Plotter festhalten. Es hat unfassbar lange gedauert bis von 1001sm der Zähler endlich auf 1000sm sprang. Naja, eigentlich nur 10 Minuten, darauf allerdings zu achten zog sich wie Kaugummi. Mir schoss es die ganze Zeit durch den Kopf… das noch 1000 Mal? Dann packte mich gestern Nachmittag nochmal die Lust, die Stimmung mit der Kamera einzufangen. Nach dem 2. Video gab ich auf… hatte ich doch alles schon mal aufgenommen und die Wellenberge kommen eh nicht rüber. So verging der Tag mit dösen.

Abends packte Andreas einen Segelfilm aus, den ich vor Jahren schon eimal geschaut hatte. Johannes Erdmann – Allein über den Atlantik. Das hob meine Stimmung wieder, da ich mich an meine damaligen Gedanken erinnerte. Was für ein Abenteuer, wie unerreichbar… und nun sehe ich die gleichen Wellenberge und unser Schiff schaukelt ähnlich erbarmungslos über den Atlantik. Tja, sag niemals nie… das hätte ich damals nicht gedacht. Andreas, unser Kameramann, schafft es hingegen viel Videomaterial zu sammeln. Er hat schon einige seiner vergangenen Reisen durch Schottland oder die Ostsee zu schönen Törn-Filmen zusammengefasst (www.slisand.blogspot.com) Ich freue mich auf unseren Film und hoffe so, dass auch Steffi, die den Törn leider ja nicht mitmachen konnte, ein wenig Stimmung mitbekommt.

Position:
14 Grad 28.4N
46 Grad 21.4W


Update 16.12.2016:

Die Mitte unserer Reise seit den Kap Verden ist erreicht. Bergfest ist auf See eigentlich ein falscher Begriff… ist recht flach hier. Ein gerader Strich auf der Seekarte 1000 sm in jede Richtung, 1800 km! Das nächstgelegene Land liegt südwestlich von uns, French Guyana mit 860 sm. Naja, eigentlich ist das nächste Land nur 5 km entfernt und liegt unter uns. Wenn man anfängt darüber nachzudenken, sitzt man auf einer sehr kleinen Nussschale irgendwo im Nirgendwo, wo man eigentlich nichts zu suchen hat. Liegt man in der Koje und die Wellen klatschen neben einem gegen den Rumpf, denkt man lieber nicht drüber nach, das nur knapp 1,5 cm dickes Plastik einen am Schwimmen hält. Fühlt sich verdammt wenig an. Wenigstens würden die Berge an Windeln, die wir in der Vorschiffskoje gebunkert haben, das Boot bestimmt am Schwimmen halten.

Das sind Gedanken, die mir gelegentlich nachts kommen, wenn wieder eine Welle knallend gegen den Rumpf schlägt und ich durch die Koje gepfeffert werde. Eigentlich fühlen wir uns aber sehr wohl, denn unsere Lady tut ihren Dienst bravourös. Ganz so alleine sind wir auch nicht, denn vermutlich würde fast zu jeder Zeit irgendein Schiff antworten, wenn man in die Funke fragt. Viele Segler oder Motoryachten sind auf unserer Strecke unterwegs. Nein, schlimme Gedanken sind an Bord eigentlich kaum vorhanden. Dafür läuft es zu gut und wir vertrauen dem Schiff und uns. Aber sich die Dimensionen vor Augen zu halten, gehört mit zur Reise. So einsam und auf sich gestellt ist man ja nicht oft. Ein Stückweit hat mich dieses Gefühl auch an der Reise und Strecke gereizt. Ich bin verantwortlich, dass mein Schiff hält und dass ich ankomme. Kann beängstigend sein, mich motiviert es eher. Ich freue mich auf die Ankunft und das Gefühl, die Strecke gemeistert zu haben. Hoffentlich bleibt die zweite Hälfte so „ereignislos“ wie die erste.

Ich merke wie die Tage auf See, die Routine und der gleichbleibende Ausblick meinen Kopf langsam leert oder vielmehr entspannt. Stundenlang kann ich am Steuer sitzen, die See beobachten oder Löcher in die Wolken schauen. Das warme Wetter und Rauschen des Wassers trägt seinen Beitrag dazu bei, wenn man entspannt im Cockpit liegt. Mir wird nicht langweilig. Vielmehr werden meine Gedanken klarer und beschäftigen sich recht zielstrebig mit einem Thema. Und irgendwie ist man verdammt weit weg vom Alltag, auch von der Familie und ich fange an, wie ein Beobachter die letzten Wochen und Monate zu betrachten. Wann hatte ich dafür mal Zeit, meine Gedanken kreisen zu lassen oder mich in den Wellenbergen zu vergessen. Einerseits scheint sich die Strecke noch zu ziehen, andererseits merke ich einen Effekt bei mir durch die Dauer. Ich komme langsam an.

Langweilig ist mir nicht, wenn manchmal von der Welle genervt.

Position:
15 Grad 12.9N
42 Grad 28.6W


Update: 15.12.2016:

Hängen wir unsere Handtücher zum Trocknen auf, reicht es zusammen mit der Sprayhood, um uns auf gute 4 Knoten Fahrt zu bringen. Es herrscht Wind, seit drei Tagen viel Wind! Konstant 7, in Böen bis 8 bf, also bis 40 Knoten von achtern treiben uns voran. Die Genua steht wie ein Brett am Backbordbug und wird tagsüber ein bisschen ausgerollt, nachts wieder reingeholt. Das Großsegel würde unser Rollen bestimmt stabilisieren, aber wenn wir so schon über 6 Knoten fahren und die Wellenberge immer höher werden, lassen wir uns lieber durchschaukeln, als das Material oder gar den Mast zu gefährden. Da haben wir lieber ein gut getrimmtes Boot, das selbst bei starken Böen sicher von der Windfahne auf Kurs gehalten wird. Nachts ziehen seit zwei Nächten Squalls durch, zum Glück bisher ohne Gewitter, dafür aber mit mächtig Wind und ein wenig Regen. Das Radar zeigt die Regenschauer bereits knapp 8 sm vor Ankunft an, so kann man das Segel rechtzeitig reffen.

Die erste Nacht dachte ich noch, den Regen nutzen zu können und endlich das Salzwasser von der Haut zu bekommen. Nachts um 3 Uhr stand ich also nackt im Cockpit und freute mich auf den rannahenden Regenschauer. Als es dann aber nur nieselte, der Wind aber drastisch zunahm, fühlte ich mich doch ein wenig komisch nackt durchs Cockpit zu flitzen und die Genua einzuholen, dabei auch noch ziemlich zu frieren. Andreas hatte den Wind bemerkt und schaute mir durch das verschlossene Luk amüsiert zu. Beim nächsten Squall behielt ich meine Klamotten an, denn wirklich zum Duschen reichte es eh nie.

Das Angeln haben wir auch sein gelassen. Bei diesen Wellen einen Fisch reinzuholen halten wir für zu gewagt. Teilweise stecken wir nachts ein Schott in den Niedergang, da manche Wellen steil direkt hinter unserem Heck mit tosendem Lärm brechen. Inzwischen wissen wir aber, dass sich das Heck entspannt immer noch über die Welle hebt und keine Gefahr besteht. Hoffen wir es bleibt so, denn die Welle soll zunehmen. Wer hat gesagt Passatsegeln ist eine angenehme 4? Naja, wir haben ein sehr stabiles Wetterfester und kommen so super voran, ohne den Diesel anschmeißen zu müssen. Ein stabiles Hoch nördlich von uns beschert konstantes Wetter und vielleicht schaffen wir es ja bis Heiligabend schon da zu sein. Unsere Etmale sind noch immer um 130 sm.

Ein neuer Wetterbericht erreicht uns meist über Satellitentelefon in Form von GRIB Files. Alternativ tauschen wir uns, wann immer ein anderes Boot in der Nähe ist, über Funk aus und bekommen so auch Infos über die Großwetterlage. Gestern überlegte meine Crew kurzzeitig, das Boot aufzugeben. Eine 97 Meter lange rumänische Luxusyacht auf dem Weg nach Barbados schiebte sich an uns vorbei. Wenn das nicht mal ein idealer Zeitpunkt wäre abgeborgen zu werden. Sven bestand darauf, erst die Zusammensetzung der Crew zu erfragen. Da der Kapitän aber eher mürrisch war, trauten wir uns nicht weiter zu fragen. Ohne Zweifel trägt unsere Lady uns auch die letzen 1100 sm sicher weiter. Morgen ist Bergfest, der Sekt ist kaltgestellt.

Position:
15 Grad 35.3N
40 Grad 0.9W


Update: 13.12.2016:

Endlich wieder Arbeit. Das Nichtstun ist vorbei. Der Wind hat seit einer Stunde endlich mal nachgelassen, sodass wir wieder die zweite Fock als Passatbeseglung setzen können. Da wir ja nun Äquator nah segeln, können wir so mit der zweiten Fock auch endlich den Südost-Passat mitnutzen 😉 Spaß bei Seite, der Wind kommt natürlich immer noch aus Nordost. Die Wellen haben auch endlich ein wenig nachgelassen, nachdem uns heute morgen regelrecht Hauswände verfolgt haben. Vielleicht kann ich nun auch Andreas überreden, nochmal ein Sauerteigbrot zu backen. Ansonsten pendelt sich unser Leben an Bord langsam ein und die Tage vergehen sehr angenehm. Jeder kocht nach Lust und Laune, es wird viel gedöst, gelesen und Musik gehört. Abends gibt es ab und zu eine Filmvorstellung mit Popcorn. Eine sehr surreale Stimmung, man taucht in den Film ein, alles ist dunkel und plötzlich realisiert man wieder, dass man mitten auf dem Ozean ist und nicht auf der heimische Couch.

Zum Angeln konnten wir uns noch nicht so recht durchringen, da bei dem Geschaukel das Filetieren und Ausnehmen eher unangenehm wäre. Mitunter sogar den Appetit verderben kann. Außerdem hat es unserem Hauptangler Sven eher die Lust am Fisch verdorben, seitdem ihm beim abendlichen im Cockpit Sitzen ein fliegenden Fisch direkt an den Kopf geklatscht ist. Und die stinken!

Unsere Essensplanung funktioniert bisher sehr gut. Wir hatten uns gegen einen festen Menüplan entschieden, sondern vielmehr nach Lust Lebensmittel eingekauft. So können wir jeden Tag einfach frei aus den vollen Kisten schöpfen und uns neue Kombinationen ausdenken. Bewusst haben wir kein Fleisch eingekauft, da wir sonst bzgl. Lagerung gezwungen wären, es schnell zu essen. Als Alternative können wir ja die Angel wieder rauswerfen. Für morgens und abends backt Andreas köstliches Sauerteigbrot mit Roggen und Weizenmehl. Der Riesenleib hält gerade mal 3 Tage, ist aber eine tolle Alternative zum sonst so süßen Müsli. Wir probieren eine neue Sauerteigkultur anzulegen, um auch die nächsten Wochen immer wieder frisches Brot backen zu können. Der erste Versuch sah vielversprechend aus, stellte jedoch die Arbeit nach der Abfüllung in ein Einmachglas ein und musste leider entsorgt werden.

Ganz erstaunlich finde ich unseren Wasserhaushalt. Das Trinkwasser wird wie geplant verbraucht, das Brauchwasser fürs Spülen usw. wurde bisher nahezu nicht benutzt. Jetzt könnte man meinen, wir spülen in unserem Männerhaushalt einfach nicht ab. Wir verwenden ausschließlich Salzwasser für alles, nur die Gläser werden kurz klar nachgespült. Selbst die tägliche Dusche wird mit Salzwasser absolviert. Dabei hilft der Trick, Spülmittel zum Abseifen zu nutzen, da dieses auch im Salzwasser schäumt. Somit bleiben unsere 500 Liter Brauchwasser nahezu unangetastet.

Position:
15 Grad 31.7N
35 Grad 34.6W


Update: 12.12.2016:

Gut, dass wir uns gestern erholt haben. Um Mitternacht haben wir uns entschieden, die Segel zu bergen und nur ein Stück der Genua mit kürzerem Baum draußen zu lassen. Der Wind nahm auf gute 30 Knoten zu und die See wurde rauer. Eigentlich ist das Schaukeln nicht das Problem, warum ich nicht schlafe. Vielmehr die Geräusche halten mich wach. Ich merke, wie ich doch auf alles höre, und bei jedem neuen Geräusch erstmal meinen Kopf aus der Luke stecke und Sven oder Andreas frage, ob alles okay ist. Also reine Kopfsache. Das Boot läuft unter Windfahne nämlich super. Irgendwann ist es mir zu bunt und ich stecke mir Kopfhörer in die Ohren. Unweigerlich fange ich an zu grinsen, da ohne Geräusche das Schaukeln fast etwas komisches hat. Ich liege in der großen Achterkabine quer zur Schiffsachse und rutsche ab und zu mit Kopf oder Füßen voran durch die Kabine. Ich grinse weiter – was ein Erlebnis. Ich fühle mich sehr wohl in der geräumig gemütlichen Kabine und genieße sogar das Schaukeln. Ich merke die Schwere des Schiffs. Es fühlt sich sicher an, und dass es weitaus mehr abkann. Ich grinse und freue mich über das Vertrauen. Schnell schlafe ich ein.

Bisher hält sich der Wind auch tagsüber und es fangen an, sich Wellen mit gut über 2 Meter auszubilden. Ein tolles Schauspiel zu beobachten, wie aufgewühlt die See ist und Wände blauestem Wasser aufs Heck zu rollen. Manche brechen sich oder klatschen gegen die Bordwand. Durch die Rumpffenster schaut es manchmal aus wie ein Blick in die Waschmschine. Wir machen gut Fahrt und keilen uns in die Cockpitbänke, schauen den Wellenbergen zu. Das Mittelcockpit lässt uns weit weg von der See sitzen und ich merke wieder das Gefühl aus der Nacht. Vertrauen ins Schiff und auch in unsere Einschätzung. Bisher haben wir immer rechtzeitig gerefft und gehandelt. Man kann noch nicht von hohen Wellen oder rauhen Bedingungen sprechen. Inzwischen sind wir aber schon weit weg vom Land und könnten die Strecke kaum gegenan zurücksegeln. Komme was wolle, 1500 sm liegen noch vor uns! Wann hat man schon mal eine Situation, durch die man einfach muss. Die Nacht habe ich mich im Halbschlaf immer wieder aufgeregt, warum wir denn nicht einfach mal anhalten. Es muss doch bald mal eine Raststätte kommen. Als ich wach wurde, musste ich wieder grinsen, als ich merkte, dass ich nicht auf dem Beifahrersitz eingeschlafen bin. So wirds weiter gehen und mit einer Reisegeschwindigkeit langsamer als ein Fahrrad, werden wir auf der Strecke noch viel erleben.

Position:
15 Grad 41.7N
33 Grad 24.3W


Update: 11.12.2016:

Ein ereignisreicher Tag. Heute Morgen aufgestanden. Segel stehen noch wie vor 3 Tagen. Frühstück, duschen, Mittag essen, Mittagsschlaf, Abendessen, Wache startet. Drei Tage sind wir nun auf See. Die nächsten Tage werden so bleiben. Die Segel einmal hoch gezogen, das wars. Nur nachts wird die zweite ausgebaumte Fock eingepackt, da genug Wind ist und die Wache so angenehmer ist. Unser Etmal ist nach wie vor super. Zoome ich die Plotterkarte raus, muss ich aber ganz schön lang das Rädchen drehen, bis am Ende der gesteckten Strecke Barbados erscheint. Morgen werden wir 1/4 hinter uns haben. Ist schon sehr weit.

Langsam bekomme ich einen Eindruck der Entfernung. Als ich im Flieger nach Gran Canaria das Meer sah, welches wir von Portugal nach Lanzarote in 5 Tagen überquerten, sah es sehr weit aus. Man konnte die lange Nord-Ost Dünung sehen. Unfassbar viele Wellenkämme bis zum Horizont. Nun steck ich wieder in jedem einzelnen Wellental und schaukel munter die Berge rauf und runter. Tag und Nacht.

Die sonstige Abwechslung des Tages blieb uns heut verwehrt. Kein Funkkontakt mit einem anderen Schiff, kein frisch gebackenes Brot, kein Fisch an der Angel, keine Delfine. Eigentlich haben wir den heutigen Tag verschlafen. Die Nacht war so rollig, dass keiner Ruhe gefunden hat. Schön, dass man den Tag dafür nutzen kann. Vielleicht sollte ich mir für morgen mal nichts vornehmen. Dann hab ich wenigstens kein schlechtes Gewissen, wenn ich mein Ziel nicht erreiche. Getreu dem Motto:

„Was hast du heute getan?“
„Nichts!“
„Das hast du gestern doch schon getan.“
„Stimmt, bin aber nicht fertig geworden.“

6 thoughts on “Atlantiküberquerung von Kap Verden nach Barbados

  1. Heute ist Lucia Tag und ich wünsche Euch viel Spaß weiterhin bei dieser besonderen Tagesroutine auf dem Schiff. Ich kann mir das schon sehr anstrengend vorstellen. 🙂 Sicherlich kommt noch hinzu, dass es nun langsam wärmer wird. Bei Wondrak ist das auch so. Wenn man ihn fragt auf was er noch wartet? Antwort: Auf morgen. In diesem Sinne.

    So Long. Wondrak 🙂

  2. Laut den Berichten seit ihr bereits gut aufeinander eingestimmt. Daher kann ich Euch mitteilen, dass die Wetterverhältnisse so weiter gehen. NE 6-7. Aber je dichter ihr an das Ziel kommt, umso weniger Wind wird es dann. Daher müsst ihr Euch jetzt schon auf Heiligabend in Barbados einstellen.😁😎😉 Gute Reise weiterhin. 🎅🎅🎅

  3. Hallo Steffi
    Bist du (seit ihr) noch im Lande, oder etwa schon in der Luft, oder gerade beim Koffer packen?
    Habt ihrs guuuuuuuuut! In ein paar Stunden, Beach, Palmen und +25 grad
    und in den Armen des „Wellenreiters“. Bestell allen drei natürlich insbesondere
    Sven unsere tiefste Hochachtung!!! Tag und Nacht fieberten wir im Geist und
    Am PC mit den Jungs. Die drei sind einfach toll, mutig und echte Bezwinger.
    Wir warten schon ungeduldig auf neue Infos und die neuen Koordinaten.
    Dir und deinen zwei Sprösslingen wünschen wir einen sanften Überflug
    Und deiner Familie einen wunderschönen Karibikaufenthalt!
    Danke für deine Infos! Vielleicht werden wir uns ja mal treffen bzw. sehen.
    Drücke Sven von uns! Wir freuen uns auf seine Heimkehr.
    Das mit den schönen Feiertagen erübrigt sich, die habt Ihr mit Sicherheit!
    Herzliche Grüße aus Ascheberg.
    Passt auf euch auf.
    Sigrid und Klaus Heinzerling

  4. Hey Ihr Drei, Ich habe vor 20 Minuten eure jüngsten Berichte gelesen und fühle mich selbst hier auf meinem Bürosessel noch ein wenig kribbelig. Eine Atlantiküberquerung klingt bei euch alles Andere als langweilig.
    Geniesst die (vorerst) letzten Wellen! LG, Christian

  5. Geschafft! 😁 Herzlichen Glückwunsch. Da habt ihr Euch heute aber ein gutes Essen und ein Kaltgetränk verdient. Ich wünsche Euch schöne Weihnachten und ein gesundes Jahr 2017. VG aus Norddeutschland bei Sturmböen u d 12 Grad.🎅🎅🎅

  6. letzte Nachricht vom 22. gelesen. Ich nehme jetzt einfach mal an, dass Ihr angekommen seid und sage Gratulation und Glückwunsch und fröhliche Weihnachten. Und Andreas, ich freu mich auch schon auf Deinen Film und Deine Berichte aus erster Hand.
    Alles Gute für Crew und Schiff und dann einen guten Rückflug!
    Gotthard

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