Atlantiküberquerung von Kap Verden nach Barbados – Unterwegs per Satellitentelefon

Update: 19.12.2016

Täglich grüßt das Murmeltier. Ich wache auf, weil ich wieder durch die Kabine fliege. Welle an die 6 Meter, Sturm, Sonne, super Ändi am Steuer. Sven im Winterschlaf. Erstmal essen. Irgendwie jeden Tag gleich. Puh… festhalten ist wieder angesagt. Aber nein, heute gibts Abwechslung! Es fängt nach meinem morgendlichen Toilettengang an. Als ich das Klo abpumpen will, halte ich plötzlich den Griff der Kolbenpumpe in der Hand. Darf nicht wahr sein, nicht einmal Pumpen wurde mir vergönnt. Wenigstens war ich auf dem Klo, denn ich bin es, der es nun ja auch auseinander bauen muss. Also Werkzeug raus, Schläuche, Eimer, Gasmaske, Handschuhe und rein ins Vergnügen. Nicht, dass das ganze im Hafen schon schwer genug gewesen wäre, die Welle erfordert eigentlich beide Hände permanent zum Festhalten. Es dauert ganze 2 Stunden bis ich alle Teile der Pumpe zusammen gefischt habe und alles wieder zusammen bauen kann. Danach wird erstmal alles gründlich geputzt. Inklusive einer ordentlichen Dusche am Heck. Ich bin schweißgebadet. Mann, die Wellen haben sich noch mehr aufgebaut und der Wind nimmt stetig zu.

Wir suchen den Rest des Tages Erholung und keilen uns, wo auch immer möglich, fest. Am Abend während unserer täglich therapeutischen Sitzung bei Dunkelheit im Cockpit werden wir überrascht. Eine Welle bricht am Heck, die muss groß gewesen sein, es tobt um uns herum, wir beschleunigen und schießen quer die Welle runter. Wir brüllen uns gegenseitig an: „festhalten“. Puh, in absoluter Dunkelheit ein beängstigendes Gefühl. Plötzlich riecht Sven verbranntes. Der Rauchmelder im Motorraum geht los. Genauso unser Adrenalin. Wir stürzen runter, Lampen an, Feuerlöscher raus. Ich reiß die Backskiste auf, wo alles an Elektrik drin ist, wo ich Wassereinbruch und schmörkeln vermute. Alles ok. Motorraum auf, alles voller Qualm. Systematisch suche ich alle Kabel ab, Sven steht mit dem Feuerlöscher hinter mir. ich finde nichts. Vorsichtshalber habe ich die Elektrik ausgeschaltet und zum Glück kann sich Andreas draußen am Steuer an den Sternen orientieren. Jetzt erstmal durchatmen. Ich gehe alle Kabelstränge im Boot durch, finde aber nichts. Als wir uns nochmal den Motorraum vornehmen, fällt uns eine kleine Rauchfahne aus dem Ansaugstutzen des Motors auf. Was soll das denn? Der lief seit Tagen nicht mehr. Dann überlege ich. Es riecht nicht nach verbranntem Kabel, das ist kalter Rauch. Plötzlich schießt es mir in den Kopf. Hatte die Welle unser Heck überspült und den Auspuff geflutet, dass die restliche Luft aus dem Motor zurückgedrückt wurde? Alles deutet darauf hin, auch frisches Salzwasser, was ich im Wassersammler finde. Mist, hoffentlich ist der ganze Motor nicht geflutet. Um sicher zu gehen, dass sonst nichts anderes der Grund sein kann, probieren wir den Motor zu starten. Tatsächlich, er springt nicht an. Wir warten ein paar Minuten, schalten die Elektrik wieder ein und sind uns nun sicher, dass es ein gefluteter Auspuff sein muss. Ich drehe erneut den Zündschlüssel um und der Motor fängt quälend an zu arbeiten. Dann springt er an. Erleichterung!

Ich schaue mich nochmal im Motorraum um. Irgendwas stimmt mit dem Dieselfilter nicht. Im Schauglas sehe ich eine milchige Flüssigkeit statt dem klaren honigfarbenen Diesel. Gleichzeitig fängt der Motor an zu stottern und geht aus. Hm. Wasserschaden nein, nun aber Dieselprobleme? Es reicht für einen Tag. Andreas schickt mich ins Bett mit dem Kommentar: “ Was willste denn bei dem Sturm eh mit dem Motor. Der kann bis morgen warten.“ Erschöpft falle ich in meine Koje.

Als ich um 2 Uhr meine Wache bis 5 Uhr starte, wollte ich eigentlich meine Motorliteratur durcharbeiten. Als ich ins Cockpit komme, um Andreas abzulösen, versinke ich aber im Sitz und schaue mir den fantastischen Sternenhimmel an. Ich stecke mir Kopfhörer rein und wähle von Ella Fitzgerald passend Smooth Sailing. Ach vermisse ich euch Lindyhopper und ziehe Bilanz vom Tag:

Ein sauberes Klo mit best funktionierender Pumpe!

Der Motor läuft – theoretisch!

Es gab kein Feuer!

Klingt doch gar nicht so schlecht!

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