Ankommen, wenn die Wolken von vorne kommen!

Türkises Wasser, grüne Palmen zwischen ein paar Hotels und kleiner Bebauung hinter dem weißen Sandstrand. Ein warmer, kräftiger Wind lässt die knallende Sonne im Schatten wunderbar ertragen. Unfassbar klares Wasser gibt den Blick auf den mit kleinen Sandwellen bedeckten Boden frei. Ab und zu kommt ein kleiner Fischschwarm vorbei, täglich grüßen große und kleine Wasserschildkröten, die selbst wenn man schnell ins Badewannen warme Wasser springt nur gelangweilt zuschauen. Ich wache früh von der Wärme auf, die Sonne ist gerade aufgegangen und springe ins herrliche – nein herrlichste – Wasser, ohne mich überwinden zu müssen. Angekommen!

Ich kann das Lebensgefühl, oder vielleicht eher Glücksgefühl, kaum beschreiben. Es ist warm und schön. Lässt sich aushalten! Es erschlägt mich fast, wie in meinem Körper und Kopf eine Ruhe einkehrt. Da sind wir. So weit gereist, so lange gesegelt, so anstrengende Törns gehabt und immer dieses Ziel vor Augen. Wärme, türkises Wasser, lange ankern. Ja, unser Motto war immer: unterwegs sein – die Reise ist das Ziel! Und wir haben viele schöne Gegenden bereist und Momente erlebt. Trotzdem verfolgte uns in Europa der Herbst. Man musste in den Süden – und selbst die Algarve Ende Oktober konnte uns von ihrem Wetter her nicht ganz überzeugen dort zu bleiben. Die Kanaren boten dann natürlich schon die ganzjährige Wärme. Aber ehrlich gesagt war der Gedanke, einmal noch Zähne zusammen zu beißen und vier Wochen über den Teich zu segeln sehr verlockend. Bei der Inselwelt, kulturellen Vielfalt und Saison-Freiheit, einmal unterwegs, dann sollte man diesen Schritt doch auch noch machen.

Es fühlt sich gut an hier zu sein. Es fühlt sich nach Zeit an. Das erste Mal zieht es mich nicht weiter. Vielmehr kommt mir der Gedanke auf, einfach an diesem Strand zu bleiben, bis man keine Lust mehr hat, bis man genug hat und weiter will. Vorher musste doch immer ein gewisser Zeitplan aufgrund der heran rollenden Tiefs eingehalten werden… vor September über die Bikaya, bis Oktober auf die Kanaren. Jetzt heißt es vor der Hurrikane Saison bis nach Granada. Wenn wir uns noch die Windward Islands anschauen wollen, also vielleicht bis hoch nach Dominica oder Martinique, dann gemütlich runter segeln, haben wir bis Juni schätzungsweise weniger als 400 Seemeilen vor uns. Pah! In derselben Zeit haben wir bisher das zehnfache versegelt, und dabei so viel gesehen und erlebt! Eine kribbelnd kindliche Freude kommt auf und die frisch aufgeschlagene Kokusnuss mit Strohhalm drin schmeckt bei dem Gedanken noch besser!

Es fühlt sich ein wenig verdient an, endlich in diesem herrlichen Wasser baden zu können. In den letzten Wochen mussten Steffi und ich die Zähne zusammen beißen. Bis zum Ende dachten wir beide keine Zähne mehr zu haben… und auf dem Zahnfleisch zu gehen. Parallel haben wir Steffis Verteidigung ihrer Dissertation und das Boot auf den Sprung über den Atlantik vorbereitet. Dann haben wir uns getrennt und jeder musste sein Abenteuer allein meistern. Steffi mit beiden Kindern, eingenistet bei den Großeltern die Prüfung vorbereiten und die weiteren organisatorischen Dinge für die nächsten Segeletappen regeln. Ich das Boot sicher in die Karibik bringen. Wir sind beide geschlaucht und wir wollen nun das Ergebnis genießen.

Die letzte Etappe auf dem Atlantik hatte es nochmal in sich. Nachdem der Wind eine kurze Verschnaufpause zuließ und wir hofften so die letzten 400sm durch zu kommen, frischte er erneut auf. Die Wellen bauten sich schneller und steiler denn je auf und wir rauschten die Wellenberge runter. Ich war einfach erledigt und so heilfroh, dass die letzte Nacht vor Barbados wieder ruhiger wurde, dass ich nahezu durchschlief! Wir waren alle reif fürs Ankommen. Die Umrundung der südlichen Spitze und das Einlaufen in ruhiges Wasser löste Euphorie aus. Der Anker fiel in der Carlisle Bay auf 5 Metern und die gekühlte Sektflasche wurde auf dem Vordeck geköpft zusammen mit erleichternden Umarmungen und Beglückwünschung. Was ein Glücksgefühl! Dann erstmal das obligatorische Baden und Ankerabtauchen – ohne Neopren und frieren. Es fühlte sich wie im Paradies an. Das Größte war aber, dass das Boot nicht mehr schaukelte. Der Körper entspannte sich, die Wärme und der Sekt tat vermutlich den Rest und ein breites Grinsen hielt sich auf meinem Gesicht.

Wahrlich, die Atlantikpassage haben wir uns anders vorgestellt. Liest man doch eher von flautigen Überfahrten im Dezember, erwischten uns in 12 von 16 Tagen Wind mit 7-9 bft. Windgeschwindigkeiten unter 30 Knoten (relativ von hinten) waren eine Seltenheit. Dazu unzählige Squalls mit Regen und Böen und das anstrengenste, die mindestens 6 Meter Wellen… Und das verrückte war, wir hatten ein wunderschön ausgeprägtes Hoch mit einer Isobaren von Afrika bis in die Karibik. Kein Sturmtief hat uns überrollt, keine easterly wave oder tropical depression. Einfach nur ein schönes stabiles Hoch. Deswegen fiel es uns auch so schwer, die Bedingungen zu glauben und die über Satellit abgefragten Grib files zu interpretieren. Vor Anker liegend wälzten wir mit anderen Seglern nochmals Bücher und fanden die Erklärung in der Konstellation des besonders ausgeprägten Hochdruckgebietes und starken Tiefs, die über den Nordatlantik jagten. Die Wahrscheinlichkeit von solchen Winden über 7 bft wurde mit 1% angegeben. Wunderbar.

Ich war unterwegs einfach nur heilfroh, mich nur um mich und das Boot kümmern zu müssen und die Kinder nicht dabei zu haben! Damit ist für uns auch klar, eine weitere Ozeanpassage werden wir nicht mit den Kindern machen und der Pazifik wird, zumindest aus der bisherigen Sicht, nicht besegelt. Die Karibik bietet viel und für uns vor allem nettes Segeln. Das wollen wir nun erstmal genießen, freuen uns auf unzählige tolle Buchten, weiße Sandstrände, Kokosnüsse und viele nette Begegnungen!

Dank an Manuel von der Manado für die Unterwasserphotos!

4 thoughts on “Ankommen, wenn die Wolken von vorne kommen!

  1. Hallo ihr Lieben, zuerst einmal frohes neues Jahr und auf das all eure Vorstellungen und Wünsche in Erfüllung gehen! Schön, dass bei euch alles soweit läuft. Hier in NRW sind Wetterwarnungen der höchsten Stufe wegen Eisregen ausgegeben worden. Da würde ich jetzt gerne mit euch tauschen und im Badewannenwasser schwimmen ;-). In diesem Sinn, macht weiter so. Ich freue mich für euch und auf weitere Berichte. Liebe Grüße
    Nadine

  2. Hallo Ben, hallo Crew!

    Herzlichen Glückwunsch zu Eurer Atlantiküberquerung! Genießt die Zeit!
    Viele Grüße von der kalten und wolkenverhangenen Ostsee!

    Axel, Daniela und Ava von Turnotter

    1. Hallo Axel, schön von dir zu hören! Hoffe du hattest einen schönen Sommer mit unserem alten Schiffchen! Waren im Frühjahr bei der Turnotter, konnte dich leider nicht erreichen.

  3. Herzlichen Glückwunsch zu der nicht ganz einfachen Überquerung. Und ich kann dir aus Erfahrung sagen: es ist Gott sei Dank nur selten so 🙂
    Otto
    SY Hanna

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